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Freunde mit Schlüssel

Katrin, 29 · Stuttgart

„Das ist die dümmste Idee, die wir je hatten“, sagte Jonas.

„Dümmer als die Nacht vor der Thermodynamik-Klausur?“

„Das war deine Idee.“

„Und wir haben beide bestanden.“

Wir saßen auf den Stufen der Aussichtsplattform am Killesberg, auf dem Turm, der bei Wind leicht schwankt und von dem aus man über die ganze Stadt sieht, den Kessel mit seinen Weinbergen, den Fernsehturm, die Kräne am Hauptbahnhof, die seit unserer Studienzeit dort stehen und vermutlich noch stehen werden, wenn wir in Rente gehen. Es war ein Abend Ende Mai. Zwischen uns stand eine Flasche Trollinger, die wir in einem Supermarkt am Nordbahnhof gekauft hatten, und zwei Plastikbecher.

Jonas und ich kennen uns seit dem ersten Semester Maschinenbau in Vaihingen. Wir haben zusammen gelernt, zusammen gefeiert, zusammen in einer WG in der Nähe der Uni gewohnt, zwei Jahre lang, ohne dass je etwas passiert wäre. Er war mein bester Freund. Er hat mir beim Umzug nach Stuttgart-West geholfen, ich habe ihm die Hand gehalten, als sein Vater krank wurde. Wir kennen einander so gut, dass wir uns manchmal auf die Nerven gehen.

Im Frühjahr hatten wir uns beide getrennt, im Abstand von drei Wochen. Er von Lea, nach vier Jahren, weil sie nach Kopenhagen gehen wollte und er nicht. Ich von Felix, nach zweieinhalb, weil ich irgendwann merkte, dass ich mehr Zeit mit seiner Mutter am Telefon verbrachte als mit ihm im Bett.

„Ich will keine Beziehung“, hatte ich an diesem Abend gesagt, nach dem zweiten Becher. „Ich will nicht wieder jemandem erklären müssen, warum ich bis acht im Werk bin. Ich will keine Schwiegereltern. Aber das Bett soll auch nicht jede Nacht nur auf einer Seite warm sein.“

„Geht mir genauso“, hatte Jonas gesagt.

Und dann hatten wir uns angesehen, beide gleichzeitig, und gewusst, was der andere dachte.

Wir sind Ingenieure. Wir haben es ordentlich gemacht. Am nächsten Tag trafen wir uns in einem Café im Bohnenviertel, einem von diesen kleinen Läden mit Holztischen und selbstgebackenem Kuchen, und Jonas zog ein kariertes Blatt aus seinem Rucksack. Ich musste lachen, als ich die Überschrift sah: „Lastenheft“.

Wir schrieben die Punkte gemeinsam. Erstens: Wir bleiben Freunde, und die Freundschaft hat Vorrang. Zweitens: Ein fester Abend pro Woche, Donnerstag, abwechselnd bei ihm und bei mir. Alles darüber hinaus ist Bonus, nicht Pflicht. Drittens: Jeder darf andere Menschen daten. Wer jemanden kennenlernt, der ernster wird, sagt es sofort. Viertens: Keine Eifersucht, keine Fragen nach Details. Fünftens: Wenn einer von uns Gefühle entwickelt, die über die Freundschaft hinausgehen, sagt er es. Dann reden wir. Sechstens, das war mein Punkt: Wir erzählen es niemandem aus der alten Clique.

Jonas unterschrieb mit seinem Kugelschreiber. Ich unterschrieb daneben. Dann gab er mir einen Schlüssel zu seiner Wohnung in der Olgastraße, und ich gab ihm meinen.

„Nur für Donnerstage“, sagte er.

„Und für Notfälle“, sagte ich. „Wenn mal wieder dein Wasserhahn tropft.“

Es wurde der beste Sommer seit Jahren. Donnerstags verließ ich das Werk in Zuffenhausen pünktlich um sechs, was meine Kollegen irritierte, und nahm die S6 Richtung Innenstadt. Wenn wir bei ihm waren, kochte er, meistens Maultaschen in der Pfanne mit Ei, weil es das Einzige war, was er wirklich konnte. Wenn wir bei mir waren, bestellten wir Pizza und aßen sie auf meinem winzigen Balkon mit Blick auf die Hinterhöfe von Stuttgart-West.

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Und dann, irgendwann zwischen Pizza und Mitternacht, hörten wir auf, beste Freunde zu sein, und wurden etwas anderes. Das Merkwürdige war, wie leicht es ging. Keine Unsicherheit, kein Rätselraten, keine Angst, sich zu blamieren. Wir kannten einander ja. Wir lachten viel, auch in Momenten, in denen man in einem Liebesfilm nicht lachen würde. Was dazwischen geschah, gehört uns, aber es war warm und vertraut und manchmal erstaunlich überraschend, als hätten wir beide zehn Jahre lang eine Tür übersehen, die direkt neben uns lag.

Manchmal war der Donnerstag auch einfach ein Spaziergang. An einem schwülen Abend im Juni stiegen wir die Stäffele hinauf, diese steilen Treppen, die sich zwischen den Häusern an den Hängen des Kessels hochziehen, bis hinauf zur Uhlandshöhe, wo die alte Sternwarte steht. Oben setzten wir uns auf eine Bank, verschwitzt und außer Atem, und sahen zu, wie unten in der Stadt die Lichter angingen. Jonas erzählte von seinem Vater, der sich gut erholt hatte, und ich erzählte von einem Prototyp, der im Windkanal versagt hatte. Wir redeten zwei Stunden lang über nichts und alles, wie wir es mit zwanzig in der WG-Küche getan hatten. Auf dem Rückweg nahm er meine Hand, einfach so, auf der Treppe. Ich ließ sie ihm. Es fühlte sich weder wie Freundschaft noch wie Liebe an, sondern wie etwas Drittes, für das wir noch keinen Namen hatten.

Freitagmorgens frühstückten wir zusammen, er fuhr ins Büro nach Feuerbach, ich ins Werk, und dann schrieben wir uns bis zum nächsten Donnerstag Nachrichten über Formel-1-Rennen, über einen Kollegen, der im Meeting eingeschlafen war, über den neuen Italiener in der Rotebühlstraße. Genau wie früher. Das war das Beste daran: Es war wie früher, nur mit einem Donnerstag mehr.

Im Juli ging ich zweimal mit einem Mann aus, den ich über eine App kennengelernt hatte, einem Architekten aus Esslingen. Ich erzählte es Jonas, wie verabredet. Er sagte: „Und? Ist er nett?“ Ich sagte, er sei nett, aber er rede zu viel über Dachneigungen. Jonas lachte. Ich traf den Architekten kein drittes Mal.

Im August erzählte Jonas mir von einer Frau aus seinem Kletterverein. Ich sagte: „Und? Ist sie nett?“ Er sagte, sie sei sehr nett. Und ich merkte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog, ganz kurz, wie ein Muskelkrampf. Ich sagte nichts. Regel vier: keine Eifersucht.

In den Wochen danach war etwas anders. Die Donnerstage waren genauso schön wie vorher, vielleicht sogar schöner, aber ich ertappte mich dabei, schon am Montag an sie zu denken. Ich kaufte ein zweites Kissen für meinen Balkon. Ich merkte mir, welchen Wein er mochte. Einmal hörte ich mich im Werk einem Kollegen erzählen, ich hätte am Wochenende mit einem Freund gekocht, und das Wort Freund klang in meinen eigenen Ohren falsch, zu klein.

Im September fand das Weindorf auf dem Marktplatz statt, mit den Lauben und den langen Tischen, an denen man sich zwischen Fremde quetscht und nach dem dritten Viertele mit ihnen Brüderschaft trinkt. Die alte Clique hatte sich verabredet, zum ersten Mal seit Monaten alle zusammen. Jonas und ich kamen getrennt an, wie es Regel sechs verlangte, und setzten uns an entgegengesetzte Enden des Tisches.

Es war ein guter Abend. Irgendwann, nach Zwiebelkuchen und neuem Wein, erzählte Jonas, dass es mit der Frau aus dem Kletterverein nichts geworden sei. Jemand fragte, warum. Er zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich glaube, ich war nicht ganz bei der Sache.“ Dabei sah er mich nicht an. Er sah mich den ganzen restlichen Abend nicht an, und genau daran erkannte ich es.

Wir gingen gemeinsam nach Hause, obwohl es gegen die Regel war. Durch die Altstadt, am Schillerplatz vorbei, die Olgastraße hinauf. Vor seiner Haustür blieben wir stehen.

„Regel fünf“, sagte er.

„Ich weiß“, sagte ich.

„Ich meine, falls du auch …“

„Ich weiß, Jonas.“

Wir standen eine Weile da, zwei Ingenieure ohne Lastenheft für diesen Fall. Dann zog ich meinen Schlüssel aus der Tasche, seinen Schlüssel, und schloss die Haustür auf. Es war kein Donnerstag. Es war ein Samstag, und es war mir egal.

Ich weiß nicht, was wir jetzt sind. Vielleicht immer noch Freunde mit gewissen Vorzügen, nur mit mehr Wochentagen. Vielleicht der Anfang von etwas, das wir beide nicht wollten und jetzt doch wollen. Wir haben beschlossen, das Lastenheft nicht zu zerreißen, sondern zu überarbeiten. Mit Bleistift diesmal, damit man es ändern kann.

Den Schlüssel habe ich noch. Er hängt an meinem Schlüsselbund, zwischen Werksausweis und Fahrradschloss, und jedes Mal, wenn ich ihn sehe, muss ich lächeln.

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