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Orgelpfeifen im Lechviertel

Anke, 49 · Augsburg

Das Erste, was ich von ihm hörte, war ein einzelner Ton. Ein tiefes, langgezogenes C, das aus der offenen Kirchentür von St. Ulrich und Afra auf die Maximilianstraße drang, abbrach, neu ansetzte, eine Spur höher, dann wieder tiefer. Ich stand mit einer Tüte Brezen vor der Basilika und blieb stehen, wie man vor einem Geräusch stehen bleibt, das nicht in den Alltag gehört. Später erfuhr ich, dass es das Stimmen einer einzigen Pfeife gewesen war, eine von mehreren Tausend, und dass der Mann, der sie stimmte, jeden Ton bis zu zwanzig Mal anspielen ließ, bevor er zufrieden war.

Das war im März. Heute ist Ende September, und die Orgel ist fertig.

Ich bin Restauratorin für Holz und Fassungen, also für bemalte Figuren, Altäre, Rahmen, alles, was alt ist und abblättert. Meine Werkstatt liegt im Lechviertel, in einem schmalen Haus direkt an einem der Kanäle, die sich durch die Altstadt ziehen, mit einer kleinen Brücke vor der Tür und einem Fenster, unter dem das Wasser so laut rauscht, dass ich im Sommer bei offenem Fenster kaum telefonieren kann. Ich arbeite allein. Seit meiner Scheidung vor sechs Jahren lebe ich auch allein, in einer Wohnung über der Werkstatt, mit einem Balkon, auf dem Tomaten nicht wachsen wollen.

Die Pfarrei hatte mich im Frühjahr gebeten, einige Engelsfiguren vom Orgelprospekt zu restaurieren, während die Orgelbauer das Innenleben des Instruments überholten. So lernte ich Stefan kennen. Er war der Intonateur der Firma, der Mann mit dem Gehör, der jeder Pfeife ihren Klang gibt. Er kam aus einem Dorf im Allgäu, war zweiundfünfzig, verheiratet, drei erwachsene Kinder, und er wohnte während der Arbeiten in einer Ferienwohnung in der Jakobervorstadt, von Montag bis Donnerstag. Freitags fuhr er nach Hause.

Wir sahen uns zum ersten Mal auf dem Gerüst, zwanzig Meter über dem Kirchenschiff, zwischen den Pfeifen und meinen Engeln. Er reichte mir einen Kaffee aus seiner Thermoskanne, ohne zu fragen, ob ich einen wollte. Wir redeten über Holz. Er wusste mehr darüber, als ich erwartet hatte, und ich wusste mehr über Töne, als er erwartet hatte. Nach einer Stunde lachten wir über einen Engel, dem irgendein Restaurator im neunzehnten Jahrhundert ein zu fröhliches Gesicht gemalt hatte.

Zwei Wochen später fragte er, ob er seine Mittagspause in meiner Werkstatt verbringen dürfe. In der Kirche sei es zu kalt, und in der Ferienwohnung zu still.

Es begann ganz harmlos, mit Leberkässemmeln und Kaffee auf meiner Werkbank, zwischen Farbtöpfen und einem halb vergoldeten Rahmen. Er kam um zwölf, wenn die Glocken läuteten, und ging um zwei, wenn er zurück in die Kirche musste. Er erzählte von seinem Handwerk, davon, dass man eine Orgel nicht baut, sondern ihr zuhört, bis sie einem sagt, was sie braucht. Ich erzählte von meinen Figuren, davon, dass man unter jeder Farbschicht eine ältere findet, und dass man sich jedes Mal entscheiden muss, welche man freilegt und welche man lässt.

„Wie bei Menschen“, sagte er einmal.

„Bei Menschen legt man besser gar nichts frei“, sagte ich.

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Er sah mich an, lange, mit diesem Blick, mit dem er in der Kirche einer Pfeife nachlauschte. Dann stand er auf, stellte seine Tasse ab und küsste mich. Das Wasser rauschte unter dem Fenster. Draußen auf der kleinen Brücke blieb eine Touristengruppe stehen und fotografierte die Kanäle. Ich zog den Vorhang zu.

Von da an waren die Mittagspausen etwas anderes. Er kam weiterhin um zwölf und ging weiterhin um zwei, und niemand in der Kirche, weder der Mesner noch seine Kollegen noch der Pfarrer, der manchmal auf dem Gerüst vorbeischaute, bemerkte etwas. Ein Intonateur, der mittags zur Restauratorin geht, um über Engel zu reden, das ist in Augsburg keine Nachricht. Wir waren vorsichtig. Er kam nie abends, obwohl er abends Zeit gehabt hätte. Wir gingen nie zusammen essen, nicht in die Wirtschaften in der Altstadt, nicht an den Lech, nicht in den Botanischen Garten. Wir blieben in der Werkstatt, in meiner Welt aus Holz und Leim und Blattgold, und das war genug.

Was in diesen zwei Stunden passierte, lässt sich schwer beschreiben, ohne es kleiner zu machen, als es war. Ich war neunundvierzig und hatte geglaubt, dass mein Körper keine Überraschungen mehr für mich bereithält. Ich hatte mich getäuscht. Stefan ging mit mir um, wie er mit seinen Pfeifen umging: geduldig, aufmerksam, mit der Überzeugung, dass in allem ein Klang steckt, den man nur finden muss. Um Viertel vor zwei stand er auf, zog sich an, strich sich die Holzspäne vom Pullover und ging zurück in die Kirche. Manchmal hörte ich eine halbe Stunde später durch das offene Fenster wieder einen einzelnen Ton, der über die Dächer herüberkam, und wusste, dass er an mich dachte.

Einmal, im Juni, nahm er mich mit hinauf in die Orgel. Nicht auf das Gerüst, sondern hinein, durch eine schmale Tür hinter dem Spieltisch, in einen Raum aus Holz und Metall, in dem man zwischen den Pfeifen stehen kann wie in einem Wald. Es war dunkel und staubig und roch nach altem Leder. Er ließ den Organisten unten eine einzelne Taste halten, und ich spürte den Ton nicht nur in den Ohren, sondern im ganzen Körper, im Brustbein, in den Knien. Stefan stand hinter mir, die Hände auf meinen Schultern, und flüsterte die Namen der Register, als wären es Gedichte. Wir blieben nur fünf Minuten da oben. Es waren die vielleicht intimsten fünf Minuten des ganzen Sommers, und wir haben uns dabei nicht einmal geküsst.

Wir wussten beide von Anfang an, dass es ein Ende haben würde. Eine Orgelrenovierung dauert so lange, wie sie dauert, und dann fährt der Intonateur zurück ins Allgäu, zu seiner Frau, seinen Kindern, zum nächsten Auftrag in einer anderen Stadt. Wir haben nie darüber gesprochen, dass es anders sein könnte. Er hat mir nie versprochen, wiederzukommen. Ich habe ihn nie darum gebeten.

Gestern war das Einweihungskonzert. Die Basilika war voll, der Bischof war da, die Stadträte, die Presse. Ich saß weit hinten, in einer Seitenbank, mit einer Freundin, die nichts wusste. Stefan saß vorn, neben seinem Chef, in einem Anzug, den ich nie an ihm gesehen hatte. Neben ihm saß eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt und einem freundlichen Gesicht. Sie hatte die Hand auf seinem Arm liegen.

Dann begann der Organist zu spielen. Ich weiß nicht, was er spielte, irgendetwas von Bach, glaube ich, laut und prachtvoll und viel zu groß für mein kleines Herz. Die Kirche füllte sich mit Klang bis in die letzte Ecke. Und irgendwo in diesem Klang waren all die Töne, die ich mittags durch mein Fenster gehört hatte, jeder einzelne, zwanzig Mal angespielt, bis er stimmte. Ich musste weinen. Meine Freundin reichte mir ein Taschentuch und flüsterte, sie verstehe das, Orgelmusik gehe ihr auch immer so nahe.

Nach dem Konzert, auf dem Vorplatz, gingen Stefan und ich aneinander vorbei. Er nickte mir zu, höflich, wie man einer Kollegin zunickt. Ich nickte zurück. Seine Frau lächelte mich an, und ich lächelte zurück, und in diesem Moment fühlte ich weder Schuld noch Eifersucht, sondern etwas, das ich nicht benennen kann. Vielleicht Dankbarkeit.

Heute Morgen lag ein Umschlag unter meiner Werkstatttür. Kein Name, keine Adresse. Darin eine kleine Orgelpfeife aus Zinn, nicht länger als mein Finger, und ein Zettel: „Das hohe C aus dem Register über deinen Engeln. Sie musste ersetzt werden. Ich wollte nicht, dass sie weggeworfen wird.“

Sie liegt jetzt auf meiner Werkbank, zwischen den Pinseln. Wenn ich hineinblase, gibt sie einen dünnen, klaren Ton von sich, der nicht mehr ganz stimmt. Ich blase nicht oft hinein. Aber manchmal, mittags, wenn die Glocken läuten, nehme ich sie in die Hand.

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