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Die Andere

Melanie, 41 · Düsseldorf

Es gibt ein Bild von der Frau, die ich angeblich bin. Man kennt es aus Filmen und aus den Gesprächen meiner Freundinnen, wenn sie über andere reden. Sie sitzt am Telefon und wartet. Sie verbringt Weihnachten allein. Sie hofft, dass er sich eines Tages scheiden lässt, und weint, wenn er es nicht tut. Sie ist die Andere, und das Wort sagt schon alles: nicht die Eine, sondern der Rest.

Ich bin einundvierzig, ich führe seit elf Jahren eine kleine Galerie in Flingern, in einem ehemaligen Ladenlokal auf der Ackerstraße mit einem Schaufenster, das ich jeden Monat neu bespiele. Einen Trauschein hatte ich nie, und ich vermisse keinen. Was ich habe: eine Wohnung mit zu vielen Bildern an den Wänden, einen Freundeskreis voller Künstler, die nie pünktlich sind, und einen Kater, der Wittgenstein heißt, weil er so aussieht, als würde er über etwas Unlösbares nachdenken. Ich warte nicht am Telefon. Ich habe gar kein Festnetz.

Und seit acht Monaten habe ich einen Liebhaber, der verheiratet ist.

Er heißt Christoph, ist Anwalt für Gesellschaftsrecht in einer Kanzlei an der Königsallee und wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem hellen Haus in Oberkassel, direkt hinter den Rheinwiesen. Ich weiß das nicht, weil er es mir erzählt hat, sondern weil man in Düsseldorf so etwas eben weiß, wenn man einmal einen Namen hat. Ich habe das Haus nie gesehen. Ich bin einmal, ganz am Anfang, mit dem Rad über die Oberkasseler Brücke gefahren und habe an der Ampel umgedreht, weil ich mir vorkam wie eine Frau aus einem schlechten Film.

Wir haben uns online kennengelernt. Ich hatte ein Profil angelegt, nachdem eine Freundin mir erklärt hatte, dass man da nicht nur Ehemänner sucht, sondern auch das Gegenteil. Ich schrieb: „Galeristin, Single aus Überzeugung. Suche keinen Partner, sondern einen Menschen für schöne Abende, der sein eigenes Leben hat und es behält.“ Christoph schrieb als Einziger nicht über sich, sondern über ein Bild, das ich als Profilfoto benutzt hatte, eine Radierung aus meiner damaligen Ausstellung. Er wollte wissen, wer sie gemacht hatte. Ich sagte es ihm. Er kam am nächsten Samstag in die Galerie und kaufte sie.

Erst danach, beim Einpacken, sagte er mir, dass er der Mann aus dem Chat war. Und dass er verheiratet sei. Beides sagte er im gleichen Ton, ohne Zögern, ohne dieses unterwürfige Bedauern, das ich bei Männern nicht ausstehen kann. Ich mochte ihn sofort dafür.

Seitdem kommt er dienstags. Die Galerie schließt um sieben, ich lasse die Jalousie halb herunter, schalte die Deckenstrahler aus und nur die kleine Lampe über dem Schreibtisch an. Um Viertel nach sieben klopft er an die Glastür, zweimal. Er kommt direkt aus der Kanzlei, in Anzug und Mantel, und bringt immer etwas mit: eine Flasche Riesling von der Mosel, Oliven vom Carlsplatz, einmal ein Buch über Gerhard Richter, das er in einem Antiquariat gefunden hatte.

Wir trinken den ersten Wein zwischen den Bildern. Er fragt mich nach der aktuellen Ausstellung, nach den Künstlern, nach den Preisen, und er hört wirklich zu. Er ist einer der wenigen Menschen, die vor einem abstrakten Bild nicht sagen: „Das könnte mein Kind auch.“ Er sagt: „Warum macht mich das so unruhig?“ Und dann reden wir eine Stunde darüber.

Hinter der Galerie gibt es einen kleinen Raum mit einem Sofa, einem Waschbecken und einem Fenster zum Hinterhof, in dem eine Kastanie steht. Ich habe ihn früher als Lager benutzt. Jetzt stehen die Kisten im Keller. Was wir in diesem Raum tun, ist nicht die Sache von Filmen und Freundinnen. Es ist nur unsere. Ich will nur so viel sagen: Ich habe in diesen acht Monaten mehr über mich gelernt als in den zehn Jahren davor, und das meiste davon war schön.

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Wir haben ein paar Absprachen, die wir nie aufgeschrieben haben, weil sie selbstverständlich sind. Er schreibt mir nicht von seinem Handy, sondern nur über den Chat der Plattform, auf der wir uns kennengelernt haben. Wir gehen nicht zusammen essen in der Altstadt oder in Oberkassel, nirgends, wo seine Kollegen oder die Freundinnen seiner Frau sitzen könnten. Wenn wir uns zufällig begegnen, und das ist in Düsseldorf zweimal passiert, einmal auf der Kö und einmal bei einer Vernissage, dann nicken wir einander höflich zu wie zwei Menschen, die sich flüchtig kennen. Beim zweiten Mal stand seine Frau neben ihm. Sie ist schön und müde und hat ein freundliches Lachen. Ich habe ihr die Hand gegeben.

Man würde erwarten, dass ich mich in diesem Moment schlecht gefühlt habe. Ich habe mich seltsam gefühlt, aber nicht schlecht. Ich nehme dieser Frau nichts weg, was sie haben will. Christoph erzählt nicht viel über seine Ehe, aber genug, um zu wissen, dass sie beide in einem Leben stecken, das gut organisiert ist und in dem sie einander freundlich übersehen. Er wird sie nicht verlassen. Ich will nicht, dass er sie verlässt. Was sollte ich mit einem Mann, der jeden Abend nach Hause kommt?

Ich brauche meine Abende. Mittwochs gehe ich mit Freundinnen aus, donnerstags arbeite ich bis spät, freitags gibt es oft Vernissagen, am Wochenende fahre ich manchmal nach Köln oder Amsterdam zu Messen. Ich will nicht Rechenschaft ablegen, wo ich war und mit wem. Ich will nicht fragen müssen, ob ich mit einer Freundin nach Lissabon fliegen darf. Ich will einen Mann, der mich begehrt, der sich für mich interessiert und der danach wieder geht. Das klingt kalt, wenn man es aufschreibt. Es fühlt sich warm an, wenn man es lebt.

Einmal, im Juli, sind wir doch zusammen spazieren gegangen, an einem Sonntagmorgen um sechs, als seine Familie an der Ostsee war und er zwei Tage früher zurückgekommen war, um zu arbeiten. Wir trafen uns an der Tonhalle und liefen den Rhein entlang nach Norden, durch den Rheinpark, über Wiesen, auf denen um diese Zeit nur Jogger und Hunde unterwegs sind. Die Sonne kam gerade über die Altstadt, der Rheinturm warf einen langen Schatten übers Wasser. Christoph trug Jeans und ein altes T-Shirt, und ich erkannte ihn fast nicht.

Wir setzten uns auf die Böschung und sahen auf den Fluss. Ein Frachtschiff zog langsam vorbei, mit Wäsche auf einer Leine am Heck und einem Fahrrad an Deck. Christoph sagte: „Manchmal denke ich, ich müsste mich schuldiger fühlen.“

„Und?“, fragte ich.

„Ich fühle mich lebendiger“, sagte er. „Ist das schlimm?“

Ich antwortete nicht. Ich lehnte mich an ihn, und wir schauten zu, wie das Schiff kleiner wurde und schließlich unter der Brücke verschwand. Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist, sein Gewissen zu verwalten. Es ist seine Ehe, seine Entscheidung, sein Dienstag. Meine Aufgabe ist es, ehrlich zu sein, und das bin ich: Ich will ihn, so wie er ist, verheiratet und mit wenig Zeit und einem Haus in Oberkassel, das ich nie sehen werde.

Um halb acht trennten wir uns an der Ampel an der Tonhalle. Er ging nach links, ich nach rechts. Wir drehten uns nicht um.

Heute ist Dienstag. Die neue Ausstellung hängt seit Samstag, großformatige Fotografien von leeren Hotelfluren, und ich muss oft lächeln, wenn Besucher davor stehen bleiben und nicht wissen, warum sie sie so berühren. Um sieben lasse ich die Jalousie herunter. Wittgenstein liegt zu Hause auf dem Fensterbrett und denkt über das Unlösbare nach. Ich stelle zwei Gläser auf den Schreibtisch und warte nicht. Ich weiß ja, dass er kommt.

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