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Schneeschuhe bei St. Märgen

Lena, 34 · Freiburg im Breisgau

„Du musst dich mit dem ganzen Gewicht nach vorn lehnen“, rief Jakob, „sonst rutschst du zurück!“ Ich lehnte mich nach vorn, rutschte trotzdem zurück und landete mit dem Hintern im Schnee, am Hang oberhalb von St. Märgen, mitten in einer Stille, die so vollkommen war, dass mein Lachen darin klang wie ein Glas, das auf einen Steinboden fällt.

Er kam zurück, zog mich hoch und klopfte mir den Schnee von der Jacke. Sein Bart war weiß vom Atem. Unter uns lag das Tal, die Klosterkirche mit ihren zwei Türmen, verstreute Höfe mit tief heruntergezogenen Dächern, Wald bis zum Horizont. Es war Januar, und ich war seit sechs Wochen jemand, den ich nicht kannte.

Ich bin Doktorandin am Institut für Forstwissenschaften in Freiburg. Ich schreibe über Weißtannen und den Klimawandel, und ich verbringe mehr Zeit mit Messgeräten im Wald als mit Menschen. Meine Wohnung liegt in der Wiehre, zwei Zimmer unterm Dach, mit Blick auf die Dächer und an klaren Tagen auf den Schlossberg.

Mein Freund heißt David und lebt in Zürich, wo er für eine Bank arbeitet, die so diskret ist, dass nicht einmal ich genau weiß, was er dort tut. Wir sind seit fünf Jahren zusammen. Anfangs haben wir uns jedes Wochenende gesehen, dann jedes zweite, inzwischen einmal im Monat, wenn überhaupt. Er arbeitet samstags. Er arbeitet sonntags. Er schreibt mir Nachrichten um Mitternacht, dass er mich vermisst, und ich glaube ihm, aber ich glaube auch, dass er seinen Laptop mehr vermissen würde als mich, wenn man ihn vor die Wahl stellte.

Im November, an einem Wochenende, an dem David wieder einmal abgesagt hatte, fuhr ich allein mit der Höllentalbahn hinauf nach Hinterzarten, um zu wandern. Ich hatte kein Ziel, nur einen Rucksack und schlechte Laune. In einem Gasthof in Breitnau, bei einer Tasse Tee, öffnete ich auf dem Handy eine Dating-App, die mir eine Kollegin empfohlen hatte. Nicht, um jemanden zu treffen. Nur, um zu sehen, ob es da draußen Menschen gab, die auch allein waren.

Jakobs Profil zeigte kein Gesicht, sondern eine Hand, die an einem Stück Holz schnitzte. Darunter stand: „Holzbildhauer, lebe zwischen Freiburg und einer Hütte im Schwarzwald. Suche jemanden, der ab und zu ein Wochenende mit mir teilt. Ohne Versprechen, aber mit Ofen.“ Ich schrieb ihm, dass ich Weißtannen erforsche und dass mir das Wort „Ofen“ gefallen habe. Er schrieb zurück: „Weißtanne ist das schönste Holz, das es gibt. Es riecht nach Zitrone, wenn man es aufschneidet. Willst du das mal riechen?“

Die Hütte gehörte seinem Großvater. Sie liegt oberhalb von St. Märgen, am Ende eines Forstwegs, den man im Winter nur zu Fuß erreicht, zwanzig Minuten vom letzten Parkplatz. Ein Raum mit einem Holzofen, einer Eckbank, einem Tisch, auf dem immer irgendetwas halb Geschnitztes liegt, und einer Leiter hinauf zu einem Schlafboden, auf dem eine Matratze und drei Decken liegen. Kein Strom, nur eine Solarlampe. Kein Empfang, außer man stellt sich ans Fenster und hält das Handy in die Höhe.

Das war es, was mich beim ersten Mal am meisten überwältigt hat. Nicht Jakob, nicht die Hütte, sondern die Tatsache, dass mich dort niemand erreichen konnte. Keine Nachrichten von David um Mitternacht, keine Mails vom Institut, keine Erinnerungen an Abgabefristen. Nur Holz, das im Ofen knackte, und ein Mann, der mir zeigte, wie man Weißtanne aufschneidet, damit sie nach Zitrone riecht. Sie roch tatsächlich danach.

Wir aßen Brot, Speck und Käse von einem Hof im Tal, tranken Rotwein aus Wassergläsern und redeten über Bäume, bis es draußen dunkel wurde. Dann stieg er die Leiter hinauf und fragte, ob mir kalt sei. Mir war nicht kalt. Ich stieg trotzdem hinterher. Was auf dem Schlafboden geschah, unter drei Decken und mit dem Geräusch des Windes in den Tannen, bleibt dort oben. Ich will nur sagen, dass ich danach lange wach lag und durch das kleine Dachfenster die Sterne ansah, mehr, als ich in Freiburg je gesehen hatte, und dass ich zum ersten Mal seit Monaten nicht an Zürich dachte.

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Seitdem fahre ich jedes zweite Wochenende hinauf. Freitagnachmittag die Höllentalbahn bis Hinterzarten, dann mit dem Bus weiter, dann zu Fuß durch den Schnee. David glaubt, ich sei zu Feldmessungen im Wald, was nicht einmal ganz falsch ist, denn Jakob zeigt mir Bäume, die ich allein nie gefunden hätte. Eine Tanne, die dreihundert Jahre alt ist. Eine Buche, in die jemand im Krieg zwei Initialen geschnitzt hat, die inzwischen so weit auseinandergewachsen sind, dass man sie nur noch mit Mühe lesen kann.

Samstags gehen wir mit Schneeschuhen los, durch den Wald hinauf bis zu den Weiden, von denen man bei klarem Wetter die Alpen sieht, eine weiße Linie am Horizont, weit hinter dem Rhein. Irgendwo dahinter liegt Zürich. Ich sehe manchmal lange hin. Jakob fragt nie, was ich dabei denke. Das ist das Schöne an ihm. Er fragt nicht nach David, nach meiner Zukunft, nach dem, was nach dem Winter kommt. Er fragt, ob ich Hunger habe, ob mir kalt ist, ob ich noch weiter will. Und dann gehen wir weiter.

Einmal, Ende Januar, schneite es so heftig, dass wir am Sonntag nicht hinunterkamen. Der Forstweg war verschwunden, der Bus fuhr nicht, und ich stand am Fenster, das Handy in die Höhe gestreckt, und schrieb David, die Messstation sei eingeschneit und ich müsse eine Nacht länger bleiben. Er schrieb zurück: „Pass auf dich auf. Hier ist Quartalsabschluss, ich bin sowieso bis Mitternacht im Büro.“ Ich legte das Handy weg und fühlte mich gleichzeitig schuldig und erleichtert, und ich wusste nicht, welches Gefühl größer war. Jakob kochte Kaiserschmarrn auf dem Ofen, mit Apfelmus aus einem Glas seiner Mutter. Wir spielten Karten bei Kerzenlicht und hörten dem Schnee zu, der gegen die Scheiben rieselte. Es war der längste und stillste Montag meines Lebens, und ich hätte ihn gern noch einmal verlängert.

Er hat in seinem Leben, soweit ich weiß, keine Frau, die auf ihn wartet. Er sagt, er sei zu eigenbrötlerisch für eine Beziehung, zu sehr mit seinem Holz verheiratet. Er lebt unter der Woche in einer Werkstatt in Freiburg-Haslach und fertigt Skulpturen für Kirchen und Gärten. Wir sehen uns in der Stadt nie. Das war seine Regel, nicht meine. „Die Stadt gehört deinem anderen Leben“, sagte er. „Der Wald gehört uns.“

Es ist jetzt Anfang März. Der Schnee wird nass und schwer, an den Südhängen kommen schon die ersten braunen Wiesen durch. Letzten Samstag sind wir das letzte Mal mit Schneeschuhen gegangen. Auf dem Rückweg zur Hütte blieb Jakob stehen und sagte: „Im Sommer ist hier alles anders. Man kann baden, im Bach hinter der Hütte. Er ist eiskalt.“

„Lädst du mich ein?“, fragte ich.

„Ich lade dich immer ein“, sagte er. „Du musst nur kommen.“

Am Sonntagabend saß ich in der Höllentalbahn hinunter nach Freiburg, durch die Schlucht, die Felswände dicht neben dem Fenster, und dachte darüber nach, was ich David sagen werde. Er kommt nächstes Wochenende nach Freiburg, zum ersten Mal seit Weihnachten. Er hat geschrieben, dass er mit mir über die Zukunft sprechen will. Vielleicht will er, dass ich nach Zürich ziehe. Vielleicht will er das Gegenteil.

Meine Antwort kenne ich noch nicht. Sicher ist nur, dass in meinem Rucksack ein kleines Stück Weißtanne liegt, das Jakob mir geschenkt hat, glatt geschliffen, mit einer einzigen eingeschnitzten Schneeflocke. Wenn ich daran rieche, riecht es immer noch ein bisschen nach Zitrone. Und nach einem Ort, an dem mich niemand erreichen kann.

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