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Wenn er auf See ist

Sabine, 47 · Köln

An unserem Kühlschrank hängt ein Kalender, den Uwe jedes Jahr im Dezember mit zwei Textmarkern ausmalt. Blau für die Wochen auf der Plattform, gelb für die Wochen zu Hause. Drei blaue, drei gelbe, drei blaue, drei gelbe, das ganze Jahr hindurch, wie ein Muster auf einer Tischdecke. Unsere Freunde finden das praktisch. Man weiß immer, wann man Uwe zum Grillen einladen kann.

Ich schaue jeden Morgen auf diesen Kalender, während die Kaffeemaschine läuft. Seit einem Jahr schaue ich anders darauf.

Uwe ist Industriemechaniker auf einer Förderplattform in der Nordsee, zweihundert Kilometer vor der Küste. Er fliegt mit dem Hubschrauber von Emden hinaus, arbeitet zwölf Stunden am Tag, schläft in einer Kabine mit einem Kollegen aus Rostock, der schnarcht, und ruft mich jeden Abend um neun an, wenn die Verbindung es zulässt. Wir sind seit dreiundzwanzig Jahren verheiratet. Unser Sohn studiert in Aachen, unsere Tochter macht eine Ausbildung in Düsseldorf. Das Haus in Rodenkirchen ist abbezahlt.

In den gelben Wochen ist Uwe zu Hause und will vor allem Ruhe. Er repariert Dinge, die nicht kaputt sind, er fährt mit dem Rad am Rhein entlang bis nach Wesseling und zurück, und spätestens beim Wetterbericht nickt er vor dem Fernseher weg. Er ist ein freundlicher, verlässlicher Mann, und ich habe ihn nie wirklich vermisst, wenn er weg war. Das hat mich lange erschreckt. Irgendwann hat es mich nur noch traurig gemacht.

In den blauen Wochen war ich früher allein. Ich arbeitete in der Verwaltung einer Musikschule, ging mittwochs zum Chor, sah Serien, telefonierte mit den Kindern. Die Wochenenden waren das Schlimmste. Samstagmorgens stand ich in einem Haus, das zu groß war für eine Person, und wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte.

Eine Kollegin, jünger als ich und frisch getrennt, zeigte mir damals in der Mittagspause die Dating-Plattform, auf der sie unterwegs war. Ich lachte, und dann legte ich abends ein Profil an. Ich schrieb ehrlich hinein, was ich suchte: „Verheiratet, nicht unglücklich, aber allein an den Wochenenden. Suche jemanden für die Samstage, die zu lang sind.“ Ich rechnete mit gar nichts.

Konrad hat eine kleine Buchhandlung an der Ecke zur Aachener Straße, zwischen einem Laden für Designerbrillen und einem Café, vor dem im Sommer immer zu viele Fahrräder stehen. Er ist zweiundfünfzig, geschieden, hat eine erwachsene Tochter in Berlin und eine Wohnung über dem Laden mit Blick auf den Brüsseler Platz. Seine Antwort auf mein Profil bestand aus einer Frage: „Welches Buch haben Sie zuletzt nicht zu Ende gelesen, und warum?“

Ich schrieb ihm einen halben Roman zurück. Er antwortete mit einem ganzen.

Wir trafen uns zum ersten Mal an einem Samstag im Oktober, in einer blauen Woche, auf den Stufen der Kirche am Brüsseler Platz, wo abends die jungen Leute mit ihren Flaschen sitzen. Um vier Uhr nachmittags war es dort still. Er hatte zwei Kaffee in Pappbechern mitgebracht und ein Buch, das er mir schenkte, ohne es zu erklären. Wir liefen durch das Viertel, durch die Straßen mit den Namen belgischer Städte, Brabanter, Maastrichter, Antwerpener, an Boutiquen und Plattenläden und Hinterhöfen voller Efeu vorbei. Ich war seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Es kam mir vor wie eine andere Stadt, obwohl es nur zwanzig Minuten mit der Bahn von meinem Haus entfernt war.

Um sieben aßen wir in einem kleinen Restaurant mit Kerzen in Weinflaschen. Um zehn stand ich vor seiner Haustür und sagte, ich müsse jetzt nach Hause. Er sagte, das sei in Ordnung. Um elf rief Uwe an, und ich saß schon in der Bahn und erzählte ihm, ich sei mit einer Kollegin im Kino gewesen.

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Ich lag in dieser Nacht lange wach, allein in dem großen Bett in Rodenkirchen, und dachte darüber nach, was ich eigentlich tat. Ich hatte nichts Verbotenes getan, nur einen Nachmittag mit einem fremden Mann verbracht und ein Buch geschenkt bekommen. Und trotzdem wusste ich, dass etwas angefangen hatte. Ich hätte das Profil löschen können, am nächsten Morgen, mit zwei Klicks. Stattdessen las ich das Buch, das er mir geschenkt hatte, in einem Zug, bis zum Mittag, im Schlafanzug auf dem Sofa. Es war ein Roman über eine Frau, die jeden Sommer auf dieselbe Insel fährt, und auf der letzten Seite hatte er mit Bleistift ein einziges Wort an den Rand geschrieben: Samstag.

Zwei Wochen später, am nächsten blauen Samstag, fuhr ich nicht nach Hause.

Seitdem haben meine Wochenenden eine Form. Samstags gegen Mittag nehme ich die Bahn bis zum Rudolfplatz und gehe die letzten Meter zu Fuß. Konrad hat den Laden bis vier geöffnet, und ich sitze in dem alten Sessel hinter der Kasse, lese, trinke Tee und beobachte, wie er mit seinen Kunden redet. Er kennt die meisten mit Namen. Er empfiehlt nie das Buch, das sie kaufen wollen, sondern immer ein anderes, und sie kommen trotzdem wieder.

Nach Ladenschluss gehen wir nach oben. Was dann geschieht, ist nicht spektakulär, und gerade das ist das Schöne daran. Wir kochen zusammen, wir hören Platten, wir liegen auf dem Sofa und lesen einander Sätze vor, die uns gefallen haben. Und irgendwann zieht er die Vorhänge zu, obwohl gegenüber niemand wohnt, und ich lasse ihn. Ich hatte vergessen, wie es ist, wenn jemand sich Zeit lässt. Mit mir, mit allem.

Sonntags frühstücken wir spät, manchmal im Café unten, meistens am Fenster. Nachmittags laufen wir zum Rhein, über die Hohenzollernbrücke mit ihren tausend Schlössern, hinüber nach Deutz, und sehen uns von dort den Dom an, der von der anderen Seite immer ein bisschen größer aussieht. Um neun Uhr abends ruft Uwe an. Ich gehe dann ins Treppenhaus, setze mich auf die Stufen und erzähle ihm von meinem Tag. Ich lüge dabei weniger, als man denkt. Ich sage, ich sei in der Stadt gewesen, am Rhein, im Café. Ich lasse nur einen Menschen weg.

Konrad hat mich nie gebeten, mehr zu sein als das. Er fragt nicht nach Uwe, er fragt nicht, ob ich mich scheiden lassen will. Einmal, an einem sehr späten Abend, hat er gesagt: „Du bist mein liebstes Wochenende.“ Es war das Romantischste, was mir jemals jemand gesagt hat, und es enthielt kein einziges Versprechen.

In den gelben Wochen sehe ich Konrad nicht. Das war meine Regel, nicht seine. Ich wollte nicht zwei Männer in derselben Stadt gleichzeitig haben, das hätte sich angefühlt wie Betrug in beide Richtungen. Also bin ich in den gelben Wochen die Frau von Uwe, ganz und ohne Abstriche. Ich koche seine Lieblingsgerichte, ich gehe mit ihm zum Baumarkt, ich lege mich abends neben ihn und höre ihm beim Einschlafen zu.

Seltsamerweise ist es leichter geworden, seit es Konrad gibt. Ich warte nicht mehr darauf, dass Uwe etwas gibt, was er nicht geben kann. Ich bin nicht mehr gekränkt, wenn er um halb neun auf dem Sofa einschläft. Ich decke ihn zu und lese weiter, meistens ein Buch aus dem Laden am Brüsseler Platz, das ich dann in mein Regal stelle, zwischen die Kochbücher, wo niemand es bemerkt.

Manchmal frage ich mich, wie lange das gutgehen kann. Uwe wird in sechs Jahren in Rente gehen. Dann gibt es keine blauen Wochen mehr, nur noch gelbe. Ich weiß nicht, was ich dann tun werde. Konrad weiß es auch nicht. Wir haben beschlossen, uns darüber Gedanken zu machen, wenn der Kalender es verlangt.

Heute ist Freitag. Auf dem Kühlschrank beginnt morgen wieder eine blaue Woche. Uwe ist gestern Nachmittag in Emden in den Hubschrauber gestiegen und hat mir ein Foto von der Nordsee geschickt, grau und endlos. Ich habe „Pass auf dich auf“ zurückgeschrieben, und ich habe es so gemeint.

Dann habe ich meine Tasche gepackt. Ein Kleid, eine Zahnbürste, das Buch, das ich Konrad zurückgeben will. Morgen um zwölf nehme ich die Bahn zum Rudolfplatz. Es ist Herbst, und am Brüsseler Platz fallen die Blätter von den Platanen.

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